Matrix

Das Jahr 1999 warf weite Schatten für die Kinowelt voraus, der von Fans auf der ganzen Welt erwartete neue Star Wars kam in die Kinos, während dieses Effektgewitter der Box Office-Schlager des Jahres werden sollte, wurde die Dunkle Bedrohung in jedem anderem Bereich vom neuen Projekt der bis dato nur wenig bekannten Wachowski Brüder überflügelt. Matrix war anders, während man bei Episode I schlicht geschockt den Kinosaal verließ und beinahe den Abgesang des Science-Fiction-Kinos fürchtete, wurde der Zuschauer durch Matrix entschädigt und konnte der Geburt von etwas Neuem beiwohnen – der Niedergang dieses  Franchises sollte noch einige Jahre auf sich warten lassen.

Die Handlung des Films folgt dem Programmierer Thomas Anderson, der unter dem Pseudonym Neo ein Doppelleben als Hacker führt. Unzufrieden mit seinem Leben zweifelt er an der Realität und scheint auf etwas zu warten, von dem er selbst nicht weiß was es ist, bis ihn eines Nachts eine Frau namens Trinity zu Morpheus führt, einer Art Messias der Neo die dunkle Wahrheit zeigt, die selbst Neo nicht erwartete. Aber man kann nicht erklären was die “Matrix” ist, man muss es selbst erlebt haben.

Comics sind der Anfang der Matrix

Die kreativen Köpfe hinter Matrix sind die damals noch als Brüder auftretenden Wachowskis. Mittlerweile hat Larry Wachowski eine Geschlechtsumwandlung hinter sich und firmiert meist unter dem Namen Lana Wachowksi, was das Erstlingswerk Bound, als das vielleicht persönlichste Werk erscheinen lässt. Ihre künstlerischen Wurzeln haben die Geschwister in der Comicwelt, so schrieben sie unter anderem Geschichten für Marvel und arbeiteten mit Clive Barker an Hellraiser. Begeistert von Mangas und Animes, zogen sie hieraus die Inspiration für das Cyberpunk-Setting von Matrix.

Durchstarten in Hollywood 101

Ihre erste Arbeit in Hollywood war das Drehbuch zum Stallone-Film Assassins, ihre Fassung wurde jedoch komplett umgeschrieben, sodass ihr erster tatsächlicher Beitrag zur Filmwelt in Hollywood, der von den Kritikern gefeierten Neo-Noir-Film Bound war. Bei diesem schmalen Portfolio im Gepäck, bedurfte es eines mutigen Studios um den Neulingen die erforderlichen Millionen für ihr Projekt zu verschaffen. Was jedoch Peter Jackson bereits 1997 gelang, als er es bewerkstelligte mehr als eine halbe Milliarde Dollar für die Produktion der Herr der Ringe-Trilogie zu akquirieren. Sein Bewerbungsschreiben bestand zu diesem Zeitpunkt aus den beiden Funsplatterfilmen Bad Taste und Braindead – ein Glück, dass er sein Konzept offensichtlich nicht vor konservativeren Mitgliedern der Traumfabrik vorstellen musste. Die Wachowskis bekamen schließlich Unterstützung durch den renommierten Produzenten Joel Silver, der ihnen nach den Querelen bei Assassins zu der Produktion von Bound riet. Mit Silvers Hilfe und den brillanten Storyboards der stark von Moebius inspirierten Zeichner Genf Darrow und Steve Kroce – ein weiteres Beispiel für den weiten Einfluss den Jean Giraud auf das Design von Science-Fiction-Filmen hat – war es ihnen möglich die Warner Bros. Studios zunächst zu einer Finanzierung von 10 Mio. Dollar für Matrix zu überzeugen. Wissend dass diese Summe unmöglich für den ganzen Film ausreichen würde, trafen die Geschwister die mutige Entscheidung lediglich die fulminante Eröffnungsszene zu drehen, in der Trinity über die Dächer der Stadt vor den Agenten flieht. Aus finanziellen Gründen wurde früh der Produktionsort auf Sydney festgelegt, so konnten die Geschwister beim Dreh dieser Szene sogar noch die Dachsets aus Dark City verwenden, der zuvor hier gedreht wurde. Begeistert von dem Ergebnis stellten die Warner Bros. Studios weitere 90 Mio Dollar zu Verfügung und die Produktion konnte fortgesetzt werden.

Die Suche nach einem geeigneten Hauptdarsteller für Matrix gestaltete sich von Anfang an schwierig. Die erste Wahl für die Rolle des Neo war Will Smith, der jedoch ablehnte. Nach dem auch Brad Pitt, Nicolas Cage und Val Kilmer die Rolle ablehnten setzte sich das Studio mit Keanu Reeves gegen die Wachowkis durch, die zu diesem Zeitpunkt Johnny Depp favorisierten. Ein glückliche Wahl, wenn man bedenkt wie sehr Neo eine neue Art von Actionhelden geprägt hat. Vorbei war die Zeit des Muskelmannes aus den 80ern, ein neuer blasser und computeraffiner Typ Mensch wurde in den Fokus gerückt, der Nerd wurde zum Helden – in diesem Fall im wahrsten Sinn ein VR-Nerd.

Potpourri nach Wachowski Art

Die Wachowskis achteten stark darauf, dass ihre Darsteller sich mit dem komplexen Inhalt von Matrix auseinandersetzen damit sie ihre Figuren und die Welt der Matrix verstehen. Diese Welt ist wie ein buntes Kaleidoskop, zusammengesetzt aus Versatzstücken moderner Popkultur, Philosophie und Theologie. Während sich klassisch philosophische Grundideen wie das Höhlengleichnis, in jedem virtuellen Kontext anwenden lassen, so hatte das Buch Simulacron-3 von Daniel F. Galouye einen direkteren Einfluss auf Matrix. Es wurde bereits durch Fassbender als Welt am Draht und Emmerich als The 13th Floor verfilmt und handelt von einer virtuell kreierten Stadt in der sich die Protagonisten zunehmend mit der Realität und ihrer eigenen Existenz auseinander setzen müssen. Ein Verbindung zu diesem Buch liegt nicht nur inhaltlich auf der Hand, es wurde auch tatsächlich im Film gezeigt, Thomas Anderson versteckt seine illegalen Disketten in einem Hardcover der amerikanischen Ausgabe von Simulacron. Bereits im Jahr 1976 in der Folge Deadly Assassins der BBC-Serie Doctor Who taucht der Name Matrix im Zusammenhang mit virtueller Realität auf. Die Matrix stellt dort die Speichereinheit des gesammelten Wissens der Timelords von Gallifrey dar, dieses ist in Form einer komplexen virtuellen Realität gespeichert zu der man durch Headsets oder bestimmte Türen Zugang erlangen kann. Große Teile der erwähnten Episode spielen in dieser Matrix. Starken Einfluss auf die Ästhetik von Matrix hatten japanische Animationsfilme. Für die Wachowskis war besonders Ghost in the Shell richtungsweisend, von diesem Cyberpunk-Meilsenstein sagten die Geschwister, dass sie diesen als Realfilm umsetzten wollten. Die spektakulären Animationen von Animes wie Ghost in the Shell und Akira waren Anstoss für die Entwicklung neuer Tricktechnik für Matrix, da diese Filme Actionsequenzen zeigten, die mit konventioneller Kameraarbeit unmöglichen waren. Aus der Not eine Tugend machend, entstand so der berühmte Bullet-Time-Effekt, welcher seither aus dem modernen Effektkino kaum mehr wegzudenken ist.

I know Kung Fu

Der enorme Einschlag, den Matrix in der Filmkultur hatte, reduziert sich jedoch nicht auf die simple Entwicklung eines neuen Spezialeffektes oder Etablierung des bleichen Hackers als auserwähltem Held, die massive Anlehnungen an die japanische Comictradition hat dazu geführt, dass Hollywood diesem Beispiel folgte und sowohl neue Stoffe als auch eine neue Ästhetik entdeckte. Prominente Belege hierfür sind Christopher Nolans Inception, welcher inhaltlich stark an den Anime Paprika angelehnt ist oder James Camerons armseliger Blockbuster Avatar. Während dieser Inhalt bereits als sehr schlichte Variation der Pocahontas-Geschichte anzusehen ist, kopiert der Planet Pandora schonungslos die Welt des Animes Nausicaä and the valley of the wind. Wie sehr die Wachowskis von östlicher Kultur geprägt sind, spiegelt sich auch in den Kampfszenen wieder. Sie bestanden darauf den im Hongkong-Kino renommierten Martial-Arts-Choreographen Yuen Woo-Ping anzuheuern, welcher bereits legendäre Eastern wie Drunkenmaster choreographierte. Yuen Woo-Ping entwickelte für jeden Hauptdarsteller von Matrix eine eigene Art zu kämpfen, welche auf den Charaktereigenschaften der Filmcharaktere basiert und so mit zur Charakterdarstellung im Film beitrug.

Auch wenn Matrix bisweilen scheinbar wahllos Themen aus Popkultur variieren zu scheint, so ist weder der immense popkulterelle Einfluss von der Hand zu weisen, noch die Tatsache, dass Matrix schlicht ein guter Film ist. Der Detailbesessenheit der Wachowskis ist es hier zu verdanken, dass die vielen Puzzlestücke internationaler Kultur sich zu einem runden Ganzen formen, welches sowohl als grandioser Actionstreifen funktioniert, als auch als Vehikel um Jugendliche den Philosophieunterricht näher zu bringen. Die Fortsetzungen versuchten den Beginn der Trilogie zu übertreffen, was ihnen nicht ansatzweise gelang und dem Zuschauer zunehmend die christliche Symbolik der Auserwählten Geschichte von Neo grob um die Ohren schlägt. Glücklicherweise funktioniert der erste der Teil der Trilogie losgelöst von den restlichen Teilen und ähnlich wie die Episoden I-III sollte man die Fortsetzungen am besten vergessen um das Original genießen zu können.

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