VR∙Nerds

Gamescom 2014 – die Zusammenfassung

Viel Spaß!

Die Hallen sind leer, die Awards vergeben, das letzte Kostüm ist eingepackt und im Kölner Stadtteil Deutz kehrt wieder Ruhe ein – die Gamescom ist vorbei. Die Gamescom ist die bedeutendste Messe der Gamingindustrie auf europäischem Boden und auch ohne einen neuen Besucherrekord aufzustellen, war die Messe wieder ein voller Erfolg sowohl für die Aussteller als auch für die Besucher, die hier die Möglichkeit haben sich und die Branche zu feiern.

Mit 335.000 Besuchern hatte die Gamescom in ihren Hallen im Vergleich zum Vorjahr zwar einen marginalen Rückgang von 5000 Besuchern zu verzeichnen, dies war jedoch von den Betreibern der Messe aber durchaus gewollt: im Vorfeld wurden gezielt weniger Karten in Umlauf gebrach, um die monströsen Warteschlangen der letzten Jahre etwas abzuschwächen und das Besuchererlebnis für den Einzelnen zu verbessern, wurden einfach weniger Karten verkauft. Letzteres war in diesem Jahr wieder von einer Stimmung geprägt, die eher an Münchens Oktoberfest als an eine Messe erinnerte, allerdings ohne alkoholgeschwängerte Gewaltbereitschaft, dafür mit viel Spaß und Euphorie. Die Warteschlangen an den Messeständen waren trotz genannter Vorkehrungen auch in diesem Jahr wieder lang, ohne jedoch die sechs oder sieben stundenlangen Warteexzesse der letzten Jahre zu erreichen. Besonderen Andrang gab es in diesem Jahr an den Ständen zu verzeichnen die sich das Thema Virtual Reality auf die Fahne geschrieben hatten:

Ein riesiger Stand von Oculus VR, der Firma, die das Oculus Rift entwickelt hat und mit dem Verkauf an Facebook die VR-Welle in die Mainstreammedien gebracht hat, war der Publikumsmagnet der Messe. Hier waren mehrstündige Wartezeiten die Regel. Das Personal gab sich am Messestand jedoch redliche Mühe dem Ansturm Herr zu werden und konnte so nach eigenen Angaben bereits am ersten Tag ca. 12.000 Besuchern jenes Produkt demonstrieren, was sich anschickt virtueller Realität endlich den Durchbruch zu verschaffen.  Am Oculus VR- Stand hatten dann diejenigen, die es nach stattlicher Geduldsprobe endlich geschafft hatten die Möglichkeit, Spiele wie Lucky´s Tale, SUPERHOT und das heißersehnte EVE Valkyrie anzutesten und sich einem völlig neuen Spielerlebnis hinzugeben.

Auch bei Sony stand die Gamescom im Zeichen der virtuellen Realität, ihr Konkurrenzprodukt zum Oculus RIft, das als Project Morpheus betitelte Headset, konnte mit den Demos  The Deep, Street Luge und The Castle ausprobiert werden. Bei den genannten VR-Brillen handelt es sich allerdings noch um Prototypen, die im nächsten Jahr erscheinen sollen. ein genauer Releasetermin steht noch nicht fest. Dies gilt zwar auch für das Produkt von Oculus VR, wer hier jedoch nicht bis 2015 warten will, kann sich zumindest das Oculus Rift in einer Vorserienversion bestellen. Die Lieferzeiten für dieses so genannte Oculus Rift DK 2 liegen derzeit bei über zwei Monaten – die Produktion kann schlichtweg nicht mit der Nachfrage Schritt halten.

Nicht nur bei den VR-Hardwarepionieren wurden Spiele für das Oculus Rift gezeigt:

viele Indie-Entwickler beschäftigen sich mit virtueller Realität, und so sind vielerorts an kleinen Ständen die Oculus Headsets zu entdecken, auf denen die kleinen Software-Unternehmen ihre Spiele präsentieren. Wo frische Ideen gezeigt werden, da sind die Majors der Branche nicht weit, und so lässt sich gut beobachten, wie die großen Softwareentwickler ihre Visitenkarten an die jungen Wilden verteilen: Entwickler für VR-Spiele werden letztlich überall gesucht. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie ernst der VR-Trend von der Softwareindustrie genommen wird. Bei einem solchen Indieentwickler aus Deutschland haben wir den Co-op Weltraumshooter Darkfield VR angespielt und waren von der hohen Qualität die das kleine Team abliefert begeistert.

Abseits des Gamings eröffnet erschwingliche VR-Technologie noch ganz andere Möglichkeiten: virtuelles Lernen ist das Ziel einer Kooperative von Schulen aus Rheinland-Pfalz, die mit einem selbstgebauten Flugsimulator für den Geographieunterricht erfolgreich am Jugend-forscht-Wettbewerb teilnahmen. Leiter der Projektgruppe ist Sergej Buragin, der zu den zahlreichen Projekten am Stand gerne Rede und Antwort stand. Faszinierend bei diesen hochwertigen Schuldprojekten ist, daß abgesehen von der Qualität auch auf einen möglichst niedrigen Kostenfaktor geachtet wird. Denn nur wenn die Umsetzung günstig ist, so meint man, wird es die VR-Technologie auch schaffen,  in die Klassenräume der Republik Einzug zu halten

Neben dem neuen VR-Trend wurden auf der Gamescom auch unzählige konventionelle Spieletitel vorgestellt. Neue Versionen beliebter Sportspiele wie Fifa oder PES wurden ebenso gezeigt wie die kommende Erweiterung für den MMORPG-Dauerbrenner World of Warcraft. Die großen Stände von Titeln wie Battlefield oder Call of Duty zeigen die ungebremste Begeisterung für Firstperson-Titel. Großer Abräumer bei den Gamescom-Awards war folgerichtig der 2K Games Titel Evolve, der wiederum zeigt, daß das Genre der Ego-Shooter sich noch immer großer Beliebtheit erfreut und den Entwicklern die Ideen zu dem Thema nicht ausgehen. Evolve ist ein neuartiges Coop-Spiel für die Nextgen-Konsolen und erscheint sowohl für die Xbox One und die Playtstation 4.

Plamer Luckey auf der Gamescom

Im Bereich der Hardware waren es wiederum VR-Produkte, die die Awards abräumen konnten. Den ersten Preis gewann wie erwartet das Oculus Rift, knapp dahinter jedoch der Virtualizer von Cyberith und das Project Morpheus. Der Virtualizer ist ein 360Grad-Laufband, welches das Problem der Bewegung im Raum für VR-Spiele löst. Der Spieler wird mit einem Harnisch in einem Ring festgeschnallt, der an drei äußeren Pylonen befestigt ist. Diese äußere Konstruktion dient als Stütze für den Spieler. Innerhalb des Rings kann sich der Spieler drehen, laufen kann er auf einer reibungsarmen Oberfläche. Auch wenn die Bewegung zunächst etwas ungewohnt erscheint, bekommt man schnell ein Gefühl für den Virtualizer und die Bewegungsabläufe fühlen sich schnell ganz natürlich an. Der Cyberith Virtualizer ist als Prototyp derzeit für 749$ vorbestellbar, die Auslieferung soll 2015 beginnen.

Vom Trubel der öffentlichen Hallen entfernt, war sogar Palmer Luckey anwesend, der Gründer von Oculus VR gab in der Abgeschiedenheit der Business Areas roadtovr ein Interview in welchem er über die Zukunft der der Eingabegeräte sprach. Die Fans, die eine Ankündigung für ein Eingabegerät aus dem Hause Oculus gehofft haben, wurden leider enttäuscht. Luckey bestätigte zwar erneut, daß Oculus an Eingabegeräten arbeitet, sagte jedoch daß es derzeit noch große Schwierigkeiten gäbe. Er wolle auch in diesem Bereich ein Gerät wie das Oculus Rift entwickeln, welches durch einen Input des Spielers gesteuert wird und darauf basierend einen Output zurückgibt. Luckey hat hierbei ganz offensichtlich nicht ein simples Rumblepack im Sinn, sondern denkt an eine natürliche Haptik, die Schwierigkeit dies zu meistern, sei der letzte Schritt zur perfekten Immersion. Einen deutlichen Seitenhieb verteilte er an Sony  und dessen Move-Controller mit diesem Zitat: “we’ve done a lot of R&D around virtual reality input and our conclusion has been that it’s very very hard to do, it’s not something you can just say ‘have a wand moving through space, call it a day” 

Am Rande und doch mittendrin geben die Cosplayer der Gamescom einen besonderen optischen Reiz. Cosplay ist ein in Japan entstandener Verkleidungstrend bei dem sich die Cosplayer wie die Helden aus Videospielen, Comics oder auch Filmen verkleiden. Die zum Teil außergewöhnlich aufwendigen und detailgetreuen Kostüme sind der Blickfang in jeder Halle und erinnern stark an die Comiccon in San Diego. Was dort als kleine Comicmesse begann, hat sich zu einem Mekka der Nerdszene entwickelt und ist deren kulturelles Highlight des Jahres. Die schiere Menge von Cosplayern, Comicfans und natürlich auch Videospielern auf der Gamescom zeigt,  wie sehr sich die Szene ein Event ähnlicher Strahlkraft wie die Comiccon auch auf europäischem Boden wünscht.

Die Gamescom ist nicht nur für Fans von Videospielen ein Erlebnis der besonderen Art, welches  man sich zumindest einmal angeschaut haben sollte. Wir freuen uns auf den nächsten August, wenn Köln wieder Gastgeber für das vielleicht bunteste Event in Deutschland ist. Die Gamescom hat so gar nichts von dem bizarren Event, zu welchem es RTL in einem fehlgeleiteten Beitrag aus dem Jahre 2011 machen wollte: Entgegen der Meinung dieses Privatsenders prägten hier nicht etwa sozial inkompetente, ungepflegte Spinner das Bild, vielmehr fiel der immens hohe Frauenanteil bei den Besuchern ebenso auf wie die sympathische weltoffene Stimmung, die überall zu spüren war.